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Herbert Schnitzer (1941–2026) – Der Letzte seiner Generation

Aktualisiert: vor 4 Stunden

Herbert Schnitzer (1941 - 2026)
Herbert Schnitzer (1941 - 2026)

Als ich Herbert Schnitzer vor einigen Jahren in Freilassing besuchte, war die große Zeit von Schnitzer Motorsport bereits vorbei.

BMW hatte gerade die Zusammenarbeit beendet. Der Rennstall, der über Jahrzehnte wie kein zweiter mit BMW verbunden gewesen war, stand vor seiner Auflösung. Doch schon beim Betreten der Werkstatt wurde klar, dass dieser Ort weit mehr war als ein Unternehmen.

Herbert Schnitzer in seinem Rennstall in Freilassing
Herbert Schnitzer bei einem Rundgang durch seinen Rennstall

Zwischen Rennwagen, Motoren, Werkzeugen und hunderten Pokalen stand Motorsportgeschichte. Überall fanden sich Zeugnisse eines außergewöhnlichen Lebenswerks. In den Hallen reihten sich Fahrzeuge aneinander, die einst auf den berühmtesten Rennstrecken der Welt unterwegs gewesen waren. Im Keller waren noch die Spuren der Boxenstoppübungen zu erkennen. Bremsspuren auf dem Beton als stille Erinnerung an eine Zeit, in der hier Tag und Nacht auf den nächsten Einsatz hingearbeitet wurde.

Herbert Schnitzer führte mich damals durch diese Welt. Nicht verbittert. Nicht voller Zorn über das Ende.

Aber mit einer leisen Wehmut.

Einer Wehmut, die auch in vielen späteren Telefonaten immer wieder durchklang, wenn der Blick zurück auf sechs Jahrzehnte Motorsport fiel.


Am Freitag, an seinem 85. Geburtstag, ist Herbert Schnitzer friedlich eingeschlafen.


Herbert Schnitzer steht zwischen seinen BMW Rennwagen von Schnitzer Motorsport
Herbert Schnitzer inmitten seiner Rennwagen

Mit ihm verliert der deutsche Motorsport einen seiner bedeutendsten Teamchefs. Vor allem aber verliert er einen der letzten Vertreter jener Generation, die den Rennsport noch aus eigener Kraft aufgebaut hat.

Die Geschichte von Schnitzer Motorsport begann mit den Brüdern Herbert und Josef Schnitzer. Josef war das technische Genie, der Visionär, der Konstrukteur. Herbert war Organisator, Unternehmer, Teamchef und Netzwerker. Gemeinsam schufen sie aus einer Werkstatt in Freilassing einen Rennstall, der später weltweit für Erfolge sorgen sollte.

Später kamen Charlie und Dieter Lamm hinzu.

Vor allem Charlie Lamm wurde für viele Fans zum Gesicht von Schnitzer Motorsport. Kaum ein Teamchef wurde von Fahrern, Mitarbeitern und Zuschauern gleichermaßen geschätzt wie er. Charlie war Stratege, Menschenfänger und Familienmitglied zugleich. Wer jemals erlebt hat, wie Fahrer über ihn sprachen, verstand schnell, warum Schnitzer Motorsport über Jahrzehnte mehr Familie als Firma war.

Leider durfte ich Charlie nie persönlich kennenlernen. Als er 2019 viel zu früh verstarb, verlor der Motorsport eine seiner beliebtesten Persönlichkeiten.

Wenn Herbert von den alten Zeiten erzählte, ging es selten zuerst um Titel oder Pokale. Es ging um Menschen. Um Josef. Um Charlie. Um Dieter. Um Fahrer, Mechaniker und Weggefährten. Und immer wieder sprach er darüber, wie schwer es sei, dass von dieser außergewöhnlichen Gemeinschaft am Ende nur noch er übrig geblieben war.

Herbert Schnitzer war der Letzte.

Der Letzte der Schnitzer- und Lamm-Familie, die gemeinsam eine Motorsportlegende geschaffen hatten.

Natürlich ließe sich an dieser Stelle eine lange Liste von Erfolgen aufzählen:


Herbert Schnitzer vor dem Pokal zum LeMans Sieg 1999
Herbert Schnitzer und der wichtigste Pokal für ihn - der vom LeMans Sieg 1999

Tourenwagen-Europameisterschaften.

Die Formel-2-Erfolge der Schnitzer-Motoren.

Die legendären BMW-Turbomotoren.

Die goldenen Jahre des BMW M3.

DTM-Titel.

Siege in Spa.

Und als Krönung der Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans 1999 mit dem BMW V12 LMR.

Doch all diese Erfolge erklären nur einen Teil dessen, was Schnitzer Motorsport ausmachte.

Das Besondere war die Kultur.

In einer Branche, die immer professioneller, größer und anonymer wurde, blieb Schnitzer Motorsport lange ein Familienbetrieb im besten Sinne. Fahrer blieben über Jahre verbunden. Mechaniker wurden zu Freunden. Aus Mitarbeitern wurden Weggefährten.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum der Name Schnitzer bis heute einen so besonderen Klang hat.

Nicht nur wegen der Siege. Sondern wegen der Menschen dahinter.

Dass dieses Lebenswerk heute nicht verloren geht, hätte Herbert vermutlich besonders gefreut. In Steffen und Yannik Trautwein fand er Menschen, die den Namen Schnitzer nicht einfach übernommen haben, sondern ihn mit großer Leidenschaft weitertragen. Wer die Fahrzeuge von Schnitzer Classic heute erlebt, merkt schnell, dass hier nicht bloß historische Rennwagen verwaltet werden. Hier wird ein Vermächtnis bewahrt.



Zum Schluss bleibt für mich eine ganz persönliche Erinnerung.

Während unseres Rundgangs fragte ich Herbert Schnitzer damals, ob zwischen all den modernen Werkzeugschränken und den glänzenden Snap-on-Wagen irgendwo noch ein alter Werkzeugkasten aus den großen Rennsportjahren existiere. Einer, der die Rennstrecken Europas gesehen hatte. Einer mit Dellen, Kratzern und Geschichten.

Wir verblieben so, dass er sich melden würde, falls bei der Auflösung des Rennstalls irgendwann einmal so etwas übrig bleiben sollte.

Ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, jemals wieder davon zu hören.

Umso überraschter war ich, als einige Monate später tatsächlich das Telefon klingelte.

Herbert Schnitzer war dran.

Ob ich denn noch Interesse an diesem alten Werkzeugwagen hätte.

Von all den Dingen, die damals gleichzeitig auf ihn einstürmten, hatte er ausgerechnet diese kleine Nebensächlichkeit nicht vergessen. Wenig später stand ich wieder in Freilassing.

Er übergab mir einen alten, ramponierten Werkstattwagen voller Werkzeuge.

Kein Museumsstück. Kein Ausstellungsobjekt. Sondern ein Werkzeugwagen aus dem echten Rennalltag.

Er signierte ihn, half noch beim Verladen und verabschiedete sich mit seiner gewohnt herzlichen Art.

Heute halte ich diesen Wagen in Ehren (und verwende das Werkzeug für weitaus profanere Dinge, als es zu seiner aktiven Zeit genutzt wurde).

Früher war er für mich ein Stück Motorsportgeschichte.

Seit Freitag ist er vor allem eine Erinnerung an den Menschen, von dem ich ihn bekommen habe.

Herbert Schnitzer hat den Motorsport nicht verwaltet.

Er hat ihn gelebt.

Und mit ihm geht nicht nur ein großer Teamchef.

Mit ihm geht ein Stück jener Zeit, als Rennställe noch Familien waren.

Ruhe in Frieden, Herbert Schnitzer.

Ich hatte das große Glück, Herbert Schnitzer für einen Podcast zu treffen. Wer ihn noch mal in tiefbayerischer Mundart hören möchte:

Alternativ auf: Spotify | Apple Podcasts | YouTube | Amazon

Gemeinsam mit Rainer Braun habe ich vor einigen Jahren auf die einzigartige Geschichte von Schnitzer Motorsport zurückgeblickt – auf Josef und Herbert Schnitzer, Charlie Lamm, die großen BMW-Erfolge und ein Team, das für viele mehr Familie als Rennstall war.

Wer Herbert Schnitzers Vermächtnis besser verstehen möchte, findet hier die ganze Geschichte:


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