Dieter Glemser (28. Juni 1938 – 10. Juni 2026)
- Karsten Arndt
- 12. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Mit Dieter Glemser verliert der deutsche Motorsport eine seiner großen Persönlichkeiten. Einen Fahrer, der auf Rallyepisten, Rundstrecken und Langstreckenrennen gleichermaßen zuhause war. Einen Europameister, Deutschen Rennsportmeister, Mercedes-Werksfahrer, Ford-Helden und Geschichtenerzähler. Vor allem aber einen Menschen, der trotz seiner Erfolge stets bescheiden geblieben ist.

Als ich Dieter Glemser im Februar 2022 für meinen Podcast „Alte Schule“ in seinem Haus in Leonberg besuchte, war sofort klar: Hier sitzt keiner, der seine Karriere verklärt oder Legenden um sich selbst spinnt. Im Gegenteil. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs erzählte er lachend, Ford habe ihn einst „zum schnellsten Rosenzüchter der Welt“ gemacht. Seine Eltern betrieben eine Gärtnerei, Ford verschickte zu seinen Erfolgen rote Rosen – und Glemser musste die Karten mit der Aufschrift „Rote Rosen vom Rennfahrer“ unterschreiben. „Da geniere ich mich heute noch“, sagte er damals.

Diese Mischung aus Erfolg und Bescheidenheit zog sich durch sein gesamtes Leben.
Dabei gäbe es genügend Gründe für Stolz. Glemser gehörte zu jener Generation deutscher Rennfahrer, die den Motorsport nach dem Krieg wieder international konkurrenzfähig machten. Er fuhr für Mercedes-Benz, Porsche, BMW und Ford. 1971 gewann er im Ford Escort die Tourenwagen-Europameisterschaft, 1973 und 1974 die Deutsche Rennsportmeisterschaft.
Seine Karriere begann jedoch nicht auf den Rundstrecken, sondern bei Rallyes. Die legendäre Rallye Lyon-Charbonnières wurde zum Sprungbrett für Mercedes-Benz. Karl Kling verpflichtete ihn daraufhin als Werksfahrer – damals für einen jungen Mann aus einer Stuttgarter Gärtnerei der sprichwörtliche Sprung „von null auf hundert“, wie Glemser selbst später sagte.
Wer mit ihm sprach, bekam nicht nur Rennsportgeschichte erzählt, sondern erlebte sie. Dieter Glemser konnte von der Targa Florio berichten, von der Rallye London–Sydney, von den Mercedes-Einsätzen in Argentinien, von Fords Tourenwagenkriegen gegen BMW und Alfa Romeo. Und er erzählte diese Geschichten so lebendig, als wären sie gestern passiert.

Besonders beeindruckend war dabei seine Fähigkeit zur Selbstironie. Über seine größten Siege sprach er oft nüchterner als über kleine Pannen, verpasste Chancen oder kuriose Abenteuer. Vielleicht machte ihn genau das bei Fans und Weggefährten so beliebt.
Noch im hohen Alter blieb er dem Motorsport eng verbunden und wer Dieter Glemser einmal erlebt hat, weiß: Das Funkeln in den Augen war immer noch da, sobald es um Rennen, Autos oder alte Weggefährten ging.
Ein besonderes Erlebnis bleibt mir auch vom Solitude Revival. Dort pilotierte Dieter Glemser noch einmal einen Ford Capri RS über die traditionsreiche Strecke. Ich durfte eine Onboard-Kamera in seinem Auto installieren und beobachten, wie ein Mann jenseits der 80 noch immer mit jener Selbstverständlichkeit und Präzision fuhr, die ihn einst an die Spitze des europäischen Motorsports gebracht hatte.
Wenn heute viele vom „Goldenen Zeitalter“ des Motorsports sprechen, dann denken sie an Menschen wie Dieter Glemser. Fahrer, die mit kaum gesicherten Fahrzeugen über die Nordschleife, durch die Anden oder über die alte Spa-Strecke jagten. Die Siege feierten, Niederlagen akzeptierten und nach schweren Unfällen wieder einstiegen. Menschen, deren Geschichten größer sind als jede Statistik.
Dieter Glemser gehörte zu dieser Generation.
Und doch war er nie einer, der sich selbst wichtig nahm.
Vielleicht ist genau das sein Vermächtnis.
Der Europameister. Der Mercedes-Werksfahrer. Der Ford-Held. Der Geschichtenerzähler.
Und der schnellste Rosenzüchter der Welt.
Danke für die Geschichten. Und danke für die Runden, die Sie uns allen vorausgefahren sind.
Dieter Glemser im Podcast:
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Zum 85. Geburtstag von Dieter Glemser habe ich mit Rainer Braun, einem langjährigen Weggefährten von Dieter Glemser, auf dessen Karriere zurückgeblickt:



















